Künstliche Intelligenz trifft Radiologie: Ergebnisse der Studie R-AI-diographers (UK)


Monika Casiero

Künstliche Intelligenz ist in der Radiologie bereits heute fest etabliert und unterstützt Bildakquisition, Bildqualität, Arbeitsabläufe sowie Befundprozesse. Eine im Vereinigten Königreich durchgeführte internationale Studie zeigt, dass Radiologiefachpersonen und Studierende dieser Entwicklung mehrheitlich optimistisch begegnen. KI wird nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als Werkzeug, das die Profession verändert und weiterentwickelt.

Die Rolle der Radiologiefachperson befindet sich im Wandel. Neben technischer Expertise und patientennaher Betreuung gewinnen neue Aufgaben zunehmend an Bedeutung. Dazu gehören das Verstehen und Bewerten von KI-Systemen, die Qualitätssicherung von Ergebnissen sowie die Verantwortung für klinische Plausibilität und Patient:innensicherheit. Die Studie macht deutlich, dass diese Verantwortung auch in Zukunft klar bei den Fachpersonen bleibt – und nicht an Algorithmen abgegeben wird.

Neue Kompetenzen und Bildung als Schlüssel
Für die Radiologiefachperson der Zukunft sind neue Kompetenzen entscheidend. Dazu gehören insbesondere Forschungs- und Evaluationskompetenzen: Radiologiefachpersonen müssen KI-Anwendungen kritisch beurteilen, ihren klinischen Nutzen einschätzen und Lösungen mit echtem Mehrwert für Patient:innen erkennen – ohne dabei den Workflow negativ zu beeinflussen. Ergänzend dazu sind fundiertes Fachwissen, ein Grundverständnis von KI, digitale Kompetenzen, kritisches Denken, ethische Sensibilität sowie starke kommunikative Fähigkeiten erforderlich. Bildung erweist sich dabei als Schlüsselfaktor. Der Bedarf an strukturierter, neutraler KI-Ausbildung ist gross und betrifft sowohl die Grundausbildung als auch die kontinuierliche Weiterbildung.

Digitale Resilienz und Gleichstellung
Ein zentrales Konzept ist die digitale Resilienz. Sie beschreibt die Fähigkeit, souverän, kritisch und verantwortungsvoll mit digitalen Technologien umzugehen. Radiologiefachpersonen bringen hier bereits eine grosse Stärke mit, da sie gewohnt sind, komplexe Technik mit menschlicher Verantwortung zu verbinden. Digitale Resilienz bedeutet, KI sinnvoll zu nutzen, ihre Grenzen zu erkennen und auch in hochautomatisierten Umgebungen handlungsfähig zu bleiben.

Die Studie zeigt zudem genderspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung von KI. Männer erwarten häufiger tiefgreifende Veränderungen ihrer beruflichen Rolle, während Frauen zurückhaltender sind und Risiken wie Kontrollverlust oder Patient:innensicherheit stärker gewichten. Diese Unterschiede weisen vor allem auf einen unterschiedlichen Zugang zu KI-Bildung und auf strukturelle Faktoren hin und unterstreichen die Bedeutung gezielter Förderung und aktiver Einbindung.

Neue Karrierepfade durch KI: Advanced Roles in der Radiologie
Als grosse Chance werden sogenannte Advanced Roles gesehen – erweiterte, spezialisierte Funktionen, die über die klassische Tätigkeit hinausgehen. Dazu zählen unter anderem AI-Clinical-Specialists, Verantwortliche für Quality & Safety, AI-Educators, Forschungsrollen sowie Aufgaben in Policy und Governance, also in der Gestaltung von Richtlinien und der Aufsicht über KI. Diese Rollen erfordern vertiefte Kompetenzen, stärken die Autonomie und Sichtbarkeit der Profession und setzen klare Bildungswege sowie institutionelle Anerkennung voraus.

Chancen und Risiken der KI-Integration
Trotz des grundsätzlichen Optimismus benennt die Studie auch kritische Punkte. Genannt werden Sorgen vor einer Überabhängigkeit von KI oder einem Verlust fachlicher Kompetenzen, überschätzten Effizienzgewinnen, Statusverlust sowie fehlender Mitbestimmung bei der Einführung von KI-Systemen. Diese Risiken richten sich nicht gegen die KI selbst, sondern gegen eine Einführung ohne ausreichende Ausbildung, Mitsprache und berufliche Positionierung.

Neben der internationale Studie gab es 2024 auch eine Studie aus der Schweiz. Die Studie der HESAV/HES-SO Lausanne untersuchte die Perspektive von Radiologiefachpersonen auf künstliche Intelligenz im schweizerischen Kontext. Die Schweizer Studie untersucht eher die konkrete Situation im radiologischen Alltag in der Schweiz. Der Fokus liegt auf:

  • aktuelle Nutzung von KI
  • Wissen und Ausbildung zu KI
  • wahrgenommene Chancen und Risiken
  • Auswirkungen auf Arbeitsorganisation und Patientenkontakt

Der Schwerpunkt liegt damit mehr auf der praktischen Implementierung im Gesundheitssystem.

Die Ergebnisse bestätigen viele Erkenntnisse der internationalen Forschung, zeigen jedoch besonders deutlich eine Lücke zwischen technologischem Fortschritt und Ausbildung. Obwohl KI bereits in der Praxis eingesetzt wird, fühlen sich viele Radiologiefachpersonen noch nicht ausreichend vorbereitet. Gleichzeitig wird KI mehrheitlich als Chance wahrgenommen, vorausgesetzt Ausbildung, Mitsprache und berufliche Weiterentwicklung werden aktiv gestaltet.

Die Zukunft aktiv mitgestalten
Sowohl internationale als auch Schweizer Studien zeigen ein klares Bild: Künstliche Intelligenz wird die Radiologie verändern, aber sie wird die Radiologiefachperson nicht ersetzen. Im Gegenteil: Mit zunehmender technologischer Komplexität wird die fachliche Rolle sogar wichtiger.

Radiologiefachpersonen bleiben weiterhin entscheidend für Bildqualität, Patient:innensicherheit. Sie treffen die notwendigen Entscheidungen für Anpassungen, um individuell abgestimmte Untersuchungsprotokolle sicherzustellen, und übernehmen – in einigen Ländern – auch Aufgaben in der klinischen Interpretation. Gleichzeitig entstehen neue Aufgabenfelder, etwa in der Bewertung von KI-Systemen, in der Qualitätssicherung oder in der Ausbildung von Kolleg:innen. Damit entwickelt sich der Beruf von einer rein technischen Rolle hin zu einer noch stärkeren klinischen und technologischen Schnittstellenfunktion weiter.

Die Studien zeigen jedoch auch deutlich, dass diese Entwicklung nicht automatisch gelingt. Ohne gezielte Ausbildung, Weiterbildung und berufspolitische Positionierung besteht die Gefahr, dass Radiologiefachpersonen zu wenig in die Gestaltung der technologischen Transformation einbezogen werden. Gerade hier liegt eine grosse Chance für die Profession. Radiologiefachpersonen bringen bereits heute eine wichtige Stärke mit, die im Zeitalter der künstlichen Intelligenz entscheidend sein wird: digitale Resilienz. Die Fähigkeit, neue Technologien kritisch zu verstehen, sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig den Menschen im Mittelpunkt zu behalten.

Die Zukunft der Radiologie wird nicht allein von Algorithmen gestaltet. Sie wird von den Menschen gestaltet, die mit ihnen arbeiten. Radiologiefachpersonen haben das Wissen, die Erfahrung und die Nähe zur klinischen Praxis, um diese Entwicklung aktiv mitzugestalten.

Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob KI die Radiologie verändert. Die entscheidende Frage ist, wie stark Radiologiefachpersonen diese Veränderung selbst mitprägen werden.


Hier geht es zu den beiden Studien: 

Vorschaubild: Adobe Stock / InfiniteFlow

Kontakt:
Monika Casiero
Mitglied des Zentralvorstands SVMTR und des Ressorts Kommunikation
Leiterin MTR Nuklearmedizin, Strahlenschutzsachverständige StSV, Berufsbildnerin Nuklearmedizin
Klinik Hirslanden, 8032 Zürich
monika.casiero@hirslanden.ch

Informationen zur Datenerhebung Studie UK

Die Studie basiert auf einer querschnittlichen Online-Umfrage mit 32 Fragen unter ausgebildeten Radiologiefachpersonen sowie Radiologiefachpersonen in Ausbildung im Vereinigten Königreich. Insgesamt nahmen 322 Personen teil. Die Datenerhebung erfolgte zwischen dem 1. Juni und dem 31. August 2023. Das international zusammengesetzte Autor:innenteam stammt aus klinischen, akademischen und berufspolitischen Institutionen.

Informationen zur Datenerhebung Studie Schweiz

Die Studie der HES-SO Lausanne basiert auf einer querschnittlichen Online-Umfrage (Februar bis Mai 2022), die aus einer im Vereinigten Königreich entwickelten Befragung adaptiert und in Deutsch und Französisch durchgeführt wurde. Insgesamt nahmen 242 Fachpersonen aus der medizinischen Bildgebung teil, überwiegend Radiologiefachpersonen (89 %) sowie Ärztinnen und Ärzte aus Radiologie, Nuklearmedizin und Radioonkologie (11 %). Untersucht wurden unter anderem Wissen und Kompetenzen im Umgang mit KI sowie wahrgenommene Chancen und Risiken im klinischen Alltag.

Referenzen

International:
Stogiannos, N., Walsh, G., Ohene-Botwe, B., McHugh, K., Potts, B., Tam, W., et al. (2025). R-AI-diographers: A European survey on perceived impact of AI on professional identity, careers, and radiographers’ roles. Insights into Imaging, 16(1), 43. https://doi.org/10.1186/s13244...

Schweiz:
Champendal, M., De Labouchère, S., Ghotra, S. S., Gremion, I., Sun, Z., Torre, S., et al. (2024). Perspectives of medical imaging professionals about the impact of AI on Swiss radiographers. Journal of Medical Imaging and Radiation Sciences, 55(4), 101741. https://doi.org/10.1016/j.jmir...

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